Creatism

24. Juli 2017

Künstliche Intelligenz: Instagramming für Faule →

Jetzt haben sie eine Software entwickelt, die den Arbeitsablauf eines Landschaftsfotografen so gut imitiert, dass selbst professionelle Fotografen keinen Unterschied bei den Ergebnissen feststellen können. Creatism nennen sie ihr System und es ist der Versuch, einer künstlichen Intelligenz so etwas wie künstlerisches Verständnis beizubringen.

Super krass, gerade wenn man sich mal die vorher-nachher-Bilder ansieht.


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Künstliche Intelligenz : Instagramming für Faule

Eike Kühl24. Juli 2017, 17:27 Uhr Panoramen von Google Street View rein, nahezu perfekte Landschaftsbilder raus: Forscher wollen einer künstlichen Intelligenz den fotografischen Blick beibringen.

Künstliche Intelligenz: Wie viele Likes so ein Bild wohl auf Instagram bekäme? Wie viele Likes so ein Bild wohl auf Instagram bekäme? © Google Wer auf Instagram mit Landschaftsfotografie erfolgreich sein möchte, hat ab sofort zwei Optionen. Die Eifrigen reisen weiterhin als Fotografen an die entlegensten Orte der Welt und warten auf das perfekte Motiv, den richtigen Moment, das ideale Licht- und Schattenspiel. Die Faulen nehmen einfach ein paar Bilder aus Googles Street View und überlassen den Rest einer künstlichen Intelligenz. Merkt vermutlich eh fast keiner.

Zu diesem Ergebnis kommen die beiden Google-Forscher Hui Fang und Meng Zhang. Sie beschäftigen sich mit künstlicher Intelligenz (KI) und sogenannten Deep-Learning-Algorithmen (was das ist, können Sie hier nachlesen). Jetzt haben sie eine Software entwickelt, die den Arbeitsablauf eines Landschaftsfotografen so gut imitiert, dass selbst professionelle Fotografen keinen Unterschied bei den Ergebnissen feststellen können. Creatism nennen sie ihr System und es ist der Versuch, einer künstlichen Intelligenz so etwas wie künstlerisches Verständnis beizubringen.

In einem kürzlich veröffentlichten Paper erklären sie, wie Creatism funktioniert. Die erste Hürde für die Forscher war es zunächst, dem System beizubringen, was eigentlich ein gelungenes Landschaftsbild ausmacht. Ästhetik liegt zwar immer im Auge des Betrachters, es gibt in der Fotografie allerdings einige allgemein gültige Regeln was etwa die Komposition und Farbauswahl betrifft.

Der Algorithmus lernt von den Profis

Um der KI diese Regeln beizubringen, haben die Forscher sie zunächst mit 15.000 gut bewerteten Landschaftsbildern von der Fotoplattform 500px gefüttert. Jedes dieser Einzelbilder wurde von der Software anschließend gleich mehrfach bearbeitet: Es wurde in verschiedene Bildausschnitte eingeteilt, Farbtemperatur, Kontrast und Schärfe wurden immer unterschiedlich angepasst und ein High-Dynamic-Range-Filter (HDR) angewandt. Diese automatische Bearbeitung ähnelt der von Programmen wie Snapseed oder Photoshop.

Anschließend wurden die Ergebnisse von den Forschern und vier professionellen Fotografen auf einer Skala von 1.0 bis 4.0 bewertet – 1.0 bedeutet einen Schnappschuss von Anfängern, 3.0 eine semiprofessionelle Aufnahme mit Potenzial und 4.0 ein Bild von professioneller Qualität. Diese Bewertung war notwendig, um der KI einen Sinn für Ästhetik beizubringen, schreiben die Forscher. Prinzipiell ist es nämlich einfach, eine künstliche Intelligenz darauf zu trainieren, bestimmte Motiv zu erkennen: Wenn sie mit Millionen Hundebildern trainiert wird, kann sie mit ziemlicher Sicherheit auch Hunde auf weiteren Fotos erkennen. Sie kann deshalb aber nicht sagen, welcher Vierbeiner den allgemeinen Ansprüchen zufolge besonders gut aufgenommen wurde.

Nachdem sie Creatism trainiert hatten, konnten Hui Fang und Meng Zhang die KI von selbst arbeiten lassen. 40.000 Panoramaaufnahmen von Google Maps, darunter Aufnahmen aus den Alpen, aus Kanada und dem Yellowstone-Nationalpark, speisten die Forscher ein. Creatism wandte anschließend die zuvor erlernten Regeln an: Wie ein echter Fotograf wählte das System zunächst den mutmaßlich besten Bildausschnitt aus – so wurde etwa eine Kuh am Straßenrand oder eine Hütte am Hang in den Fokus gerückt, um das Bild interessanter zu machen (auf der Website kann man die Vorher-nachher-Bilder sehen). Dann passte Creatism die Farb-, Kontrast- und Lichteinstellungen an, um beispielsweise mehr Dramatik mit Licht und Schatten zu erzeugen. Schließlich lieferte es eine Aufnahme, die einer von professionellen Fotografen in nichts nachstehen sollte.

Die Ergebnisse täuschen sogar Profis

Zugeschnitten, begradigt und vergoldet – das Ergebnis links, das Original rechts © Google Um die Qualität zu bewerten, luden die Forscher sechs Fotografen ein. Alle hatten mindestens zwei Jahre Erfahrung und einen Universitätsabschluss im Fach Fotografie. In mehreren Runden bekamen sie 400 der von Creatism erstellten Fotos angezeigt, vermischt mit professionellen Landschaftsbildern aus anderen Quellen. Die Befragten wussten nicht, dass einige der Motive von einer künstlichen Intelligenz ausgewählt und bearbeitet wurden.

Das Ergebnis: 41 Prozent der Bilder, die auch intern eine Bewertung von höher als 2.9 hatten (also als semiprofessionell gelten), wurden auch von den Fotografen mindestens genauso hoch bewertet. 13 Prozent der Bilder bewerteten die Profis sogar höher als 3.5. Die professionellen Aufnahmen aus den anderen Quellen bekamen durchschnittlich immer noch bessere Noten, für die Forscher ist das Ergebnis dennoch ein Erfolg: Es zeigt, dass sich die von Creatism erstellen Fotos im besten Fall mit denen von Profis messen können. Oder anders gesagt: Sie haben ihrer künstlichen Intelligenz zumindest einen rudimentären fotografischen Blick beigebracht.

Auf der Suche nach kreativen Algorithmen

Die Forschung von Hui Fang und Meng Zhang ist mehr als Spielerei. Einerseits arbeiten die beiden für Google, das mit Snapseed bereits eine der besten kostenlosen Smartphone-Apps für Bildbearbeitung anbietet. Die Verknüpfung mit Deep-Learning-Methoden und künstlicher Intelligenz könnte die automatische Bildbearbeitung revolutionieren, indem sie eben nicht nur Farbe und Kontrast ändert oder Gesichter weichzeichnet. Mit der Erfahrung Zigtausender anderer Bilder könnte sie auch den mutmaßlich besten Bildausschnitt finden und nicht wie auf Instagram stets die gleichen Filter anwenden, sondern für jedes Motiv einen entsprechenden Filter bereithalten.

Andererseits zeigt Creatism, wohin der Weg für selbstlernende Algorithmen und künstliche Intelligenz geht: Sie sollen kreativ und künstlerisch werden, einen Sinn für Ästhetik bekommen, für schöne Sätze und schöne Bilder. In vielen Bereichen, von der Filmindustrie bis in die Literatur, gibt es bereits KI-Experimente. Noch sind sie häufig unfreiwillig komisch. Doch vielleicht machen sie in einigen Jahren auch den untalentiertesten Smartphone-Knipser zum halbwegs erfolgreichen Instagrammer.