“Fake it till you make it” heißt übersetzt so viel wie “Tu so, als ob, bis du es wirklich kannst.” Der Spruch ist älter, als viele denken.

Schon in den 1930er Jahren tauchte der Gedanke im Zwölf-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker auf. Mitglieder wurden ermutigt, sich nüchtern und gelassen zu verhalten, auch wenn sie sich noch nicht so fühlten. Das Verhalten sollte den inneren Zustand nach sich ziehen. Der Grundgedanke ist sogar noch älter und findet sich bei Aristoteles in der Nikomachischen Ethik und später in der “As-if”-Theorie des Psychologen Hans Vaihinger.

In genau dieser Formulierung wurde der Spruch aber erst viel später populär. In Büchern taucht er ab den 1980er Jahren vereinzelt auf, richtig durchgesetzt hat er sich mit Web 2.0, Facebook, Instagram und der Smartphone-Ära ab Ende der 2000er Jahre.

Mit der Verbreitung änderte sich auch der Kontext. Aus der psychologischen Hilfestellung wurde im Silicon Valley ein Leitspruch für Gründer und CEOs. Produkte wurden vermarktet, lange bevor sie fertig waren. In der Branche spricht man dann von Bananenprodukten, also Produkten, die beim Kunden reifen. Das bekannteste Beispiel ist Theranos. Die Gründerin Elizabeth Holmes versprach jahrelang eine revolutionäre Bluttest-Technologie, die nie funktionierte. 2022 wurde sie wegen Betrugs verurteilt.

Daran musste ich denken, als ich zuletzt die Nachrichten aus der KI-Branche verfolgt habe. Was als psychologische Strategie für Menschen in einer Lebenskrise begann, dient heute dazu, das Vermögen Einzelner zu mehren. Firmen wie OpenAI, Anthropic oder Perplexity kündigen in immer kürzeren Abständen Modelle an, die angeblich kurz vor allgemeiner Künstlicher Intelligenz stehen sollen.

Ich halte das alles für Hype. Auch das viel beworbene Mistral-Modell, das die Open-Source-Softwareindustrie ins Wanken bringen soll, ist am Ende nur eine verbesserte Version bestehender Modelle. Die Konkurrenz wird nachziehen, das nächste Modell wird wieder besser sein und sich neue Felder erschließen. Etwa das Finden von Sicherheitslücken nicht nur in Open-Source-Software, sondern auch in proprietären Binärdateien durch Dekompilierung.

Eine ganze Branche behauptet, etwas zu können, das sie nicht vollständig halten kann. Die Versprechen von heute sind morgen schon wieder vergessen, weil das nächste Versprechen abgegeben wurde. Dieses Marketing erzeugt vor allem Aufmerksamkeit, Unruhe und Klicks. Es erinnert mich auch ein wenig an die Propaganda-Strategie „Flood the zone" von Steve Bannon. Aus meiner Sicht ist das alles überhöht und folgt der stetigen Weiterentwicklung.

Kulturell ist interessant zu sehen, wie aus einer Methode der Selbsthilfe ein Geschäftsmodell für eine umweltzerstörende Industrie geworden ist.